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Bad Lieutenant

 

Abel Ferraras Film Bad Lieutenant
Filmeinführung am 19.11.2002 im aka-Filmclub, Freiburg. Joachim Valentin



 
 

"Love it or hate it, you'll NEVER forget "Bad Lieutenant. [...] Nevertheless, it is a great and powerful film that will be engraved in your mind years after you first see it." So heißt es richtig auf einer renommierten Internetseite zu diesem Film. Denn was der Film, zeigt, das zeigt er rücksichtslos: die Abgründe menschlicher Bösartigkeit und damit Gewalt, Menschenverachtung in Nahaufnahme. Eine tour-de-force durch die Gosse, ohne eigentliche Handlung und Dramaturgie. Eine schamlose Entblößung des Körpers und der Seele, ein naturalistisches Porträt des Horrors menschlicher Selbsterniedrigung, der totalen Leere und Ausgehöhltheit. Dies alles wäre mit einem weniger grandiosen Hauptdarsteller als Harvey Keitel in der Hauptrolle kaum möglich gewesen. Mit einer Kamerapräsenz, die nicht nur dem Zuschauer, sondern auch ihm selbst alles abverlangt, zeigt er einen ‚Cop‘ des New York Police Department, der jeden moralischen Vorbehalt aufgegeben hat und sich hemmungslosen seinen Begierden hingibt bis er in seiner persönlichen Hölle landet.

Nach Hause zu seiner Familie kommt er nur zum Schlafen, der Kontakt zu seinen Kinder erschöpft sich darin, dass er sie nachts schlafend betrachtet. Auch bei den Prostituierten, die er aufsucht, taumelt er nur hilflos im Drogenrausch umher. Beruflich geht es ihm nicht um die Verhinderung von Verbrechen, sondern er arbeitet mit Drogendealern zusammen, um selbst an den Stoff zu kommen und daran zu verdienen. Er nutzt die Verwirrung harmloser Verkehrssünderinnen zu seinem eigenen verwerflichen Vorteil. Darüber hinaus sucht er die Befreiung von seinen Geldsorgen in immer neuen Baseballwetten, die ihn jedoch schließlich in den völligen wirtschaftlichen Ruin treiben.

Erst als er einer jungen Nonne begegnet, die Opfer einer brutalen Vergewaltigung geworden ist, wird die Spirale der Gewalt gestoppt. Sie ist nicht bereit, die Namen der Täter zu nennen – sie habe ihnen schon vergeben sagt sie. Damit bringt sie den Lieutenant um die ausgesetzte Belohung von 50000 Dollar, aber auch schließlich zu sich selbst zurück. So zumindest könnte man das erstaunliche und schließlich tragische Ende des Filmes deuten.

Das Internationale Lexikon des Films verzeichnet mehr als 55 Filme mit Harvey Keitel, dem einsamen Hauptdarsteller in Bad Lieutenant, den man einen der renommiertesten Schauspieler des US-amerikanischen New Hollywood Cinema nennen darf. Nach der Hauptrolle in Martin Scorseses Hexenkessel und Nebenrollen in fast sämtlichen Filmen Quentin Tarantinos, spielte Keitel die Hauptrolle in dem Thriller Die Wiege der Sonne von Philip Kaufman. Einem breiten Publikum auch hier in Deutschland wurde er bekannt mit der Rolle des tätowierten Engländers in Jane Campions Film Das Piano. Meine Lieblingsfilme mit Keitel ist Smoke von Wayne Wang und Paul Auster und der Blick des Odysseus des griechischen Regisseurs Theo Angelopulos, der im letzen Jahr den Kulturpreis der deutschen Bischofskonferenz erhielt.

Keitel versteht seine Rolle im Film des heutigen Abends selbst als religiöses Bekenntnis. Er sagt: "in meiner Jugend bedeutete mir Religion nichts, weil mir niemand klargemacht hat, wieso die Geschichten und Mythen der Bibel für mein Leben relevant sein könnten. Man hat uns nicht beigebracht, die Lehren Gottes zu befragen – man lehrte uns nur, Furcht zu haben. Es ist eine Sünde, daß Religion nicht mit mehr Gefühl für die Schönheit der Geschichten gelehrt wird. Glücklicherweise habe ich deren Poesie später im Leben selbst entdeckt und meine Ansichten haben sich sehr geändert. Heute brauche ich nur zum Himmel aufzusehen und mich zu fragen 'Was ist das?' und 'Wie ist es dahin gekommen?', um mich daran zu erinnern, daß ich unverrückbar an Gott glaube." Und zur Figur des Bad Lieutenant sagt er: "Man kann Gott auch in der Konfrontation mit dem Bösen finden, und diese Figur bot mir Gelegenheit, in den schmerzhaftesten Teil meines eigenen Ichs einzudringen und mehr zu entdecken über diese dunkle Seite meiner Existenz. Man mag es nennen, wie man will: den Abgrund, die heilige Leere, den Ort, wo Himmel und Hölle sich in derselben Erfahrung treffen – es ist der Ort, wo der Mensch begreifen lernt. Die organisierte Religion tut alles, um Menschen von der Suche nach der Erkenntnis Gottes abzuhalten; wir brauchen einen neuen Weg, um dieses grundlegende menschliche Bedürfnis zu verwirklichen. Ich bin stolz auf 'Bad Lieutenant', weil ich glaube, er hilft (auf diesem Weg), weil er die Hölle erforscht, der wir in unserem täglichen Leben begegnen."

Man muß wohl tatsächlich Bösartigkeit und Gewalt in ihrer ganzen Abgründigkeit zeigen wie in Bad Lieutenant, um plausibel zu machen, dass einzig Vergebung eine Welt retten kann, die droht in Schuldverstrickung und hemmungsloser Gewalt unterzugehen. Vergebung ist notwendig und vielleicht auch möglich. Dass Religionen in der Lage sind, Hass zu schüren Kriege und schlimmste Brutalität mit Blick auf ein Jenseits zu entfachen, ist bekannt und sie sind dafür zu Recht gegeißelt worden. Ihre Existenzberechtigung behalten sie vielleicht nur wo sie sich auf die Chance rückhaltloser Versöhnung besinnen und Menschen diese wirksam umzusetzen in der Lage sind.

Für den Regisseur des Filmes, Abel Ferrara wurde der Film zum endgültigen Durchbruch als ernstzunehmender Filmemacher des Independent Cinema. Vorher galt er als ungehobelter Bruder des ebenfalls dezidiert katholischen Martin Scorsese. Er machte eher mit zweitklassigen Horror- und düsteren Action-Filmen von sich reden. Eine Herkunft, die Bad Lieutenant noch durchaus anzusehen ist. Gewalt ist von Anfang an ein Thema in Ferraras Filmen. Es geht ihm seit Beginn der achtziger Jahre um die ungeschminkt Darstellung der Ursachen von Gewalt in der anonymen Großstadt. Einsamkeit, Rassismus, Isolation, brutale Verletzungen im Bandenkrieg – Erfahrungen, die seine Figuren mit einem Ausbruch von Gewalt antworten lassen. Seine Helden, etwa die Frau mit der 45er Magnum sind keine Action-Helden im eigentlichen Sinne, ihr Tun verherrlicht nicht Gewalt, sondern sie erscheinen dem Zuschauer als Opfer eines unausweichlichen Gewaltzusammenhangs, der im Untergrund amerikanischer Großstädte zur Normalität geworden zu sein scheint. Die französische Medientheoretikerin Julia Kristeva nennt solche Figuren Abjekte – sie sind das von ihrer eigenen Kultur verworfene Andere, das Vernarbte, Süchtige, das Nächtliche, das Gewimmel verlassener Körper, immer auf der Suche nach Dauer und doch verdammt zu vergehen.

Auch in Bad Lieutenant begegnet uns diese Rückseite des aktuellen Subjektideals, das da lautet: Sei eines, sei identisch, sei funktional – besonders eindrücklich im wankenden Harvey Keitel, nackt und mit ausgebreiteten Armen, vor Verzweiflung wimmernd in einer der eindrücklichsten Szenen des Films – ein Schmerzensmann?!

Man hat im Zusammenhang mit Ferraras Kino auch von einem Kino der Grausamkeit gesprochen und vielleicht wird nur mit diesem an Antonin Artaud angelehnten Begriff sichtbar, wie existentiell und exotisch ernsthaft Ferraras Filme in der Kultur der Ironie der neunziger Jahre stehen. Vor allem der Film Bad Lieutenant fragt eindringlich nach Moralität und Spiritualität und bleibt so aktuell, auch wenn er inzwischen zehn Jahre als ist.

Sicher läßt der Film sich nicht einfach für irgendeine Theologie oder gar Theodizee einspannen, wir begegnen hier eher einem unorthodoxen, vielleicht ketzerischen aber auch erkennbar italienischen Katholizismus, der scheinbar naiv jederzeit mit der Offenbarung eines in der Filmhandlung eigentlich abwesenden Gottes rechnet. Nicht ohne Grund erschien das erste Buch über Ferrara in Italien unter dem Titel Abel Ferrara – L‘anarcico e il cattolico. Solcherlei affirmativen Positionen zum Kino Abel Ferraras steht die Aussage des amerikanischen Filmkritikers Geoff Andrew gegenüber, der über ihn schrieb: "Ich finde nur wenig eigenständiges künstlerisches Verdienst in seinen Filmen: Für mich sind sie meistens unzusammenhängend, nachlässig gemacht, sogar ausbeuterische Variationen der traditionellen Genres mit einem falschen, nichts erhellenden katholischen Subtext."

Der Zuschauer wird selbst entscheiden müssen. Ein unauslöschlicher Eindruck wird bleiben.


Literatur:

Bernd Kiefer/Marcus Stiglegger (Hg.): Die bizarre Schönheit der Verdammten. Die Filme von Abel Ferrara. Marburg (Schüren) 2000.

Peter Hasenberg: Erlösung in der Großstadthölle. Bad Lieutenant von Abel Ferrara (1992) In: Hasenberg, Peter / Luley, Wolfgang/ Martig, Charles (Hg.): Spuren des Religiösen im Film. Mainz/Köln (Matthias Grünewald/KIM) 1995.

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